Es ist wie es im Frühling sein muss: Zwar sind die höheren Berge noch mit einer ansehnlichen Schneebedeckung ausgestattet, doch die Skisaison geht irgendwann zu Ende. Ein Verzicht auf komfortable Gondeln muss deshalb nicht angesagt sein. Einerseits, weil an vielen Orten der Alpen ab Mai der Sommerbetrieb startet – andererseits, weil es auch in anderen Weltgegenden spannende Gondelfahrten gibt.

Während in unseren Breiten Seilbahnen sinnbildlich mit dem Wintersport verbunden werden, hat Österreichs führender Produzent und – im Wettstreit mit dem ebenfalls teilweise in Österreich produzierenden Südtiroler Unternehmen Leitner – globaler Marktführer Doppelmayr längst andere Standbeine gefunden. Relativ bekannt sind Seilbahnlösungen im urbanen Verkehr hügeliger Großstädte, aber erstaunlich ist es, wenn in den Tropen Seilbahnen selbst zur Attraktion werden beziehungsweise künstlich angelegte Erlebniswelten erschließen.
Das extremste Beispiel der Expansion des österreichischen Unternehmens ist daheim weitgehend unbekannt: Vietnam. Nicht nur wenn in der nördlichen Hemisphäre der Winter regiert, fliegen in Phu Quoc die Maschinen ein. Selbst der neue Flughafen leidet da mal unter Überfüllung. Schon beim Anflug lassen sich die Seilbahnstützen der „Kunstwelt” am Südende der Insel bei An Thoi erahnen. Denn mit rund 8 Kilometern Länge sorgt die Bahn von Phu Quoc über das Meer und kleine Inselchen nach Hon Thom für einen globalen Superlativ: Es gibt weltweit keine längere 3S-Umlaufbahn ohne Zwischenstopp. Die Bahn basiert auf der Technik von Doppelmayr, so wie insgesamt weitere 32 Doppelmayr-Seilbahnen in ganz Vietnam. Der größte Abnehmer ist die Sun Group, die auch für die beiden Seilbahn-Weltrekorde von Doppelmayr verantwortlich zeichnet: Ihr gehört nicht nur der Freizeitpark Hon Thom, sie errichtete im nördlichen Vietnam auch die weltgrößte Seilbahnstütze (214,8 m). Diese ermöglicht die schwebende Verbindung vom Festland nach Cat Ba (an der Halong Bay). Doch auch mit dem zweiten vietnamesischen Tourismusriesen Vinpearl ist der Vorarlberger Seilbahnbauer gut im Geschäft.

„Insgesamt summieren sich unsere Aufträge in Vietnam bereits auf 500 Millionen Euro”, verrät Khanh Hoa Bui, CEO von Doppelmayr Vietnam, im Gespräch – und ist damit ein offener als die Firmenzentrale in Wolfurt. Sie rechnet, dass die Investition in die Doppelmayr Technologie für die Auftraggeber aber weniger als ein Prozent der Gesamtinvestitionen umfasst. Sprich die Konzerne haben rund um die Anlagen in Hotelimmobilien, Verkehrsmittel und Freizeitpark-Infrastrukturen über 500 Milliarden Euro fließen lassen. Davon kann sich jeder schnell überzeugen, denn nach der begeisternden Fahrt über das Meer stößt man am Ziel Hon Thom nicht nur auf einen Freizeitpark, der neben einer einem enormen Wasserpark auch über eine hölzerne Hochschaubahn und vieles mehr verfügt.

Der größere Teil der Insel ist noch eine Baustelle wo Hotels unterschiedlichster Marken – Marriott, Accor – teilweise als Rohbauten fertiggestellt sind. Teile des Tropenparadieses und manche Strände sind deshalb aktuell nicht zu erreichen. Als „Höhepunkt” wird bis zur Konferenz der Pazifik Staaten 2027 der 200-Meter hohe Aspira Tower an die Küste gepflanzt. Den Besuchern – neben Vietnamesen vor allem Koreaner, Russen und Inder – werden nach der Rückkehr auf die Hauptinsel Phu Quoc am Abend drei lautstarke Shows am Meer geboten, die man aus den Restaurants oder auch von der „Kiss Bridge” beobachten kann. Als Ambiente wurde hier „Amalfi” gewählt, das sich teilweise recht geglückt am italienischen Vorbild orientiert. Das Seilbahngebäude ist allerdings eindeutig vom römischen Kolosseum inspiriert. Für den Abschnitt „Santorini” (auf Hon Thom) braucht es da schon mehr Phantasie… Aber den Gästen, die ohne Hotelnacht für den Tag im Vergnügungspark keine 50 Euro an den Kassen der Sun-Group lassen, gefällt’s in der Regel.

Österreichs Technologie fällt zwischen vietnamesischem Umfeld und den mediterranen Inspirationen des Freizeitparks nur Insidern ins Auge. Doch Khanh Hoa Bui betont: „Unsere Seilbahnen verbinden Destinationen, doch Doppelmayr Vietnam ist bestrebt auch als Brücke zwischen den Kulturen von Vietnam und Österreich wahrgenommen zu werden.“ Dafür wurden unter anderem Ende 2025 zwei klassische Musikprogramme mitorganisiert, ein Konzert an der Musikakademie und sowie eine Aufführung der Zauberflöte an der Oper von Hanoi.