
NORBERT JANK ist ein Original – eines das weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Was vor allem mit den rund 6.000 Holländern zu tun hat, die jedes Jahr Ende Jänner für zwei Wochen am Kärntner Weißensee die alternative Elf-Städte-Tour und die niederländischen Eisschnelllauf-Meisterschaften abhalten – und die bringen nicht nur eine Wertschöpfung von rund vier Millionen Euro, sondern auch Medienberichte rund um den Globus. Und mitten drin in dem Spektakel befindet sich Norbert Jank, der als Eismeister eine besonders wichtige Rolle einnimmt, weil er dafür sorgt, dass die viele Kilometer langen Bahnen in einem perfekten Zustand sind und vor allem auch die Sicherheit und Tragfähigkeit des Eises gewährleistet ist. Zwar ist Jank mit dieser Wintersaison offiziell nicht mehr aktiv, dennoch steht er seinem Nachfolger mit seinem jahrzehntelangem Know-how unterstützend weiter zur Seite.
JAMES BOND UND DIE HOLLÄNDER
Seit 1967 – als am Weißensee der erste Doppelsessellift Kärntens errichtet wurde und der Wintertourismus Fahrt aufnahm – beschäftigt sich der 77-jährige schon mit der Thematik. Damals kutschierte er die ersten Gäste mit einem Pferdeschlitten über den zugefrorenen See. Ende der 1980er-Jahre ging es in Sachen Eistourismus dann so richtig los: 1987 wurde am Weißensee ein Teil des James Bond-Films „Hauch des Todes“ gedreht. Diese Sechs-Minuten-Sequenz erregte die Aufmerksamkeit der Holländer, die auf der Suche nach einem geeigneten Austragungsort für ihre alternative Elf-Städte-Tour waren. Denn in den Niederlanden frieren aufgrund der milden Winter die dafür nötigen Grachten und Teiche nicht mehr zu.
Nach einem ersten Besuch der Organisatoren, die sich 1988 vor Ort über die Eissicherheit und die Infrastruktur ein Bild machten, kamen im Jahr darauf bereits 1.000 Niederländer an den Weißensee. „Wir hatten damals Spiegeleis vom Westteil bis zum Ostufer und die Veranstaltung wurde live im niederländischen Radio übertragen“, erinnert sich Jank an die Anfänge: „Dann kam auch das Fernsehen und die Holländer wurden mehr und mehr.“ Und zwar so viele, dass am Weißensee mit seinen knapp 4.000 Gästebetten nicht mehr genug Platz war. „Mittlerweile profitiert die gesamte Region rundherum von diesem Event“, so Tourismus-Büroleiter Thomas Michor: „Die Holländer sind für uns ganz wichtig; das geht so weit, dass die Hotels und Gastrobetriebe während der zwei Wochen die Speisekarten umstellen.“
ZUFRIEREN IN ETAPPEN
Doch zurück zum Eis, ohne dem die Wintersaison am Weißensee in der derzeitigen Form nicht vorstellbar wäre: Die Pflege und Aufbereitung des gefroren Nass ist sozusagen eine Wissenschaft, hat viel mit Erfahrung zu tun und wird von Jahr zu Jahr schwieriger, schildert Jank bei einem Lokalaugenschein Mitte Jänner: Da ist der kleinere – nur drei bis fünf Meter tiefe – Westteil des Weißensee bis zur Techendorfer Brücke zugefroren, der weitaus größere und bis zu 99 Meter tiefe Ostteil nicht. „Der See friert sicher zu, aber ob er benützbar ist, ist eine andere Frage“, so der Eismeister. Im Vorjahr sei es bereits sehr problematisch gewesen: Der See war zwar zugefroren, aber nicht benutzbar – u.a. wegen Wasserstellen immer wieder gesperrt. „Heuer lassen wir uns überraschen.“ Ob es besser als im Vorjahr werde, könne er momentan nicht sagen. Bis Silvester habe es öfters Plusgrade gegeben, und in der Nacht auch nur ein, zwei Grad minus. Danach eine Woche eine normale Temperatur. „Bei konstanten Minusgraden von zehn Grad Minus kann das Eis über die Nacht ein, zwei Zentimeter wachsen. Bei minus zwei Grad wächst es auch, bei minus 15 Grad geht es schneller.“ Normalerweise friert der See im Westen Ende November zu, der Ostteil einen Monat später. Mittlerweile seien es schon eineinhalb oder zwei Monate, weil es nicht so kalt ist. Ist der See zur Gänze zu, dann ist er mit 6,5 Quadratkilometern die größte präparierte Natureisfläche Europas und es gibt eine 25 Kilometer lange Bahn, die unter der Techendorfer Brücke hindurch führt.
IMMER MILDERE WINTER
Seit 1967 sind die Winter jedenfalls immer wärmer geworden, erklärt Jank, der seit 1973 auch Aufzeichnungen über Dauer und Dicke des Eises führt: „Ich kann mich noch erinnern, als ich vor 60 Jahren zur Arbeit ins Sägewerk ging, da hatte es im Januar durchgehend zwischen 20 und 30 Grad minus. Beim Gehen quietschten die Schuhe – und je höher der Quietschton, desto kälter war es.“ Im Lauf der Jahrzehnte sei es dann immer milder geworden. „Wenn es mittlerweile zu Weihnachten und so wie in den letzten Jahren im Jänner mehrmals regnet, ist das schon ganz normal, das wundert keinen mehr.“ Und mit diesen Klimaverhältnissen müsse man eben zurechtkommen. „Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Gestern wussten wir, dass es heute regnen wird, deshalb haben wir bis in die Nacht hinein noch einige Kilometer Restbahn fertig gemacht. Denn heute können wir nichts tun, weil es zu nass und gatschig ist. Deshalb wird solange gearbeitet, bis die Bahn fertig ist.“
Eine Arbeit, die für Jank und seine Mitarbeiter freilich nicht ohne Gefahren ist: Während das Eis früher im Schnitt eine Dicke um die 40 – manchmal auch bis 60 Zentimeter – hatte, sei man heute schon über 25 oder 30 Zentimeter froh. „Das reicht genauso für die Veranstaltung. Es ginge auch mit weniger, aber da muss ich noch mehr aufpassen“, so Jank, der das Minimum mit 20 Zentimetern oder etwas weniger beziffert. Immerhin beträgt die Belastung im Zielbereich mit Aufbauten, Fahrzeugen und Menschen rund 200 Tonnen – was sechs Lkw-Zügen hintereinander entspricht: „Die Belastung ist vergleichbar mit einem Boot – der Druck geht hinunter und es entsteht dann vom Wasser her ein Gegendruck auf das Eis – und das muss natürlich genau beobachtet werden.“
GESTIEGENE GEFAHR
Es gehe immer um die Endabschätzung, wie viel das Eis trägt, so Jank. Trotz aller Beobachtung und Erfahrung ist er schon mehrmals eingebrochen: „Ich war immer der erste, der hinausfuhr.“ Vier Autos und drei Großfahrzeuge wurden bislang versenkt – und vor drei Jahren war es denkbar knapp. Er war nächtens mit einer Zugmaschine unterwegs als er einen Riss im Eis bemerkte und unmittelbar danach die Eisdecke brach: „Es schneite, ich sah nicht mal zum Ufer, ich kam raus aus dem Loch – wie weiß ich gar nicht mehr – und stand dann dort fünf bis zehn Minuten bis einer der beiden Traktoren, die zur Eispräparierung unterwegs waren, kam.“ Vor langer Zeit brach er beim Schneepflügen mit einem Moped ein – im Ostteil in sechs, sieben Kilometer Entfernung, wo der Fuchs Gute Nacht sagt, erinnert sich Jank: „Ich bin aus dem Wasser raus; am Moped war eine lange Kette dran, zog es raus, startete es und rannte daneben her. Denn bei zehn Grad minus hab ich mich nicht getraut, mich drauf zu setzen. Ich lief nach Hause und legte mich in eine heiße Badewanne und taute mich sozusagen wieder auf. Das war so ein Ereignis, an das ich mich noch gut erinnern kann.“
ALTERNATIVE ANGEBOTE
Im Lauf der Jahre habe eben die Gefahr zugenommen – auch die, dass die alternative Elf-Städte-Tour womöglich einmal nicht mehr stattfinden kann. Das könne passieren, wenn es nicht mehr kalt genug ist, erklärt Jank: „Wann das ist, kann aber niemand sagen.“ Vor zwei Jahren sei in der ersten Tourwoche nichts gegangen, weil das Eis zu dünn war und es immer wieder Regen und Schnee gab. „Wir haben den Schnee nicht mehr weggebracht, denn nur bei dickem Eis kann man mit größeren Geräten fahren. Da war das nur im letzten Abdruck und mit viel Risiko möglich.“ Auch Touristiker Michor ist sich der Klimaveränderungen und der möglichen Konsequenzen bewusst. „Wir haben eine Vereinbarung mit den holländischen Organisatoren, dass die Elf-Städte-Tour solange bei uns stattfindet, solange es Eis gibt. Aber natürlich denken wir sicherheitshalber auch über Alternativen in Richtung sanfter Wintertourismus nach.“