Ski Ride Vorarlberg – Freeride de luxe

von Alexandra Otto 06/04/2020
Willkommen im Tiefschnee
Ski Ride Vorarlberg – Freeride de luxe

EINE WOCHE IM SCHNEE, reichlich gefüllt mit Naturerleben, Tiefschneegenuss garniert mit überschaubaren Dosen an Anstrengung. Das kann nach dem letzten Schwung, der im Montafon an der Gargellen Talstation mit einem heißen Jagatee gefeiert wurde, bilanziert werden. Denn so klein kann ein österreichisches Bundesland gar nicht sein, als dass dessen Durchquerung auf Skiern nicht ein Hauch von Strapaze innewohnen würde. Die Durchquerung Vorarlbergs vom Kleinwalsertal bis ins hintere Montafon ist in der Komfortvariante Ski Ride Vorarlberg keine Extremtour: Sondern das ab 2.850 Euro kostspielige Luxusbeispiel dafür, wie der Touren- und Freerideboom in heimatlichen Gefilden optimal für Menschen aufbereitet werden kann, die es sonst zum Heli-Skiing in die kanadischen Rockies treibt. Es findet nach individueller Terminvereinbarung für Gruppen von maximal sechs Personen statt. Neben den Übernachtungen und der Begleitung durch erfahrene Guides sind die Lifttickets, Transfers und der Gepäcktransport inkludiert. Logiert wird in Edelhotels, die Aufstiege werden zum größeren Teil zu Auffahrten, während hinunter der Tiefschnee verführt. Wenn irgendwas extrem ist, dann ist es das Vergnügen. Klar, bei so einem strahlend blauen Himmel braucht Begeisterung nur einen geringen Anstoß. Um gleich in der Früh loslegen zu können, führt nach dem Treff in Dornbirn der Kleinbus die  abenteuerlustigen Skifahrer ins Kleinwalsertal. Mit dem Chesa Valisa in Hirschegg sind schon mal die ersten beiden Nächte mit gediegenem Komfort garantiert.

Der erste Skitag wiederum dient dem Kennenlernen. Der Kollegen, der Guides, des Materials und seiner eigenen Fähigkeiten. Am „Einheimischentipp“ Walmendinger Horn ist von Beginn an ein Maß an Übermotivation garantiert.  Schon am Vortag wurde die beste Tourenausrüstung mit Abfahrtsschwerpunkt eingestellt. Übersetzt heißt das, nicht ultraleichte Latten für Berghetzer sind gefragt, sondern ein für Pisten und Tiefschneeabschnitte möglichst optimaler,  nicht zu schwerer Ski, wie ihn der Kästle FX94 mit Tourenbindung optimal repräsentierte. Zuerst geht’s mit der schon fast historisch anmutenden Gondel von Mittelberg hinauf, dann über die menscharmen Pisten, vor allem im Bereich des 4er-Sessellifts Muttelberg. Aber natürlich blieb es nicht dabei: Also von der Bergstation auffellen und dann über den manchmal schon leicht an den Nerven knabbernden Grat hinüber auf den Muttelberkopf, um eine sensationelle, unverspurte und durchaus fordernde Abfahrt durch den Pulver (ja, sagt ruhig Pulver zum Powder!) zu erleben. Einfach eine geile Line! Beim Ski Ride Test zog es dann nachmittags allmählich zu, doch bei der nicht als solche ausgeschriebenen Variante in den Talschluss namens Bad litt nur am Ende der Spaß an den Schneeverhältnissen. Übrigens stellte sich schon am ersten Tag heraus: Für Heli-Skiing muss keiner nach Kanada reisen. Es reicht der Ski 
Ride Vorarlberg, den Heli Düringer gemeinsam mit seinem Kollegen Moses begleitet. Moses garantiert wiederum einen besonders intensiven „Lawinencrashkurs“. Und das ist positiv zu verstehen. 

MANCHMAL RIESELT DER POWDER VOM HIMMEL. Damit muss man sich auch einmal abfinden. Auch wenn bei der Fahrt von Hirschegg hinauf zur Ifen-Talstation noch mehrfach die Sonne durchblinzelte. Zwei klassische, haubenlose Doppelsessellifte führen in die Gipfelregionen, dann wird aufgefellt und das Hahnenköpfle (2.085 m) erobert. Gefühlt  eine Nordpolexpedition mit heftigem Schneefall und Wind. Die Querung über den mit Kalklöchern gespickten Gottesacker – ein Name als Programm – ist bei Sonnenschein ein sensationelles Naturerlebnis. Bei Nebel jedoch ein Naturabenteuer, das den Guides alles an Konzentration und ihren Schutzbefohlenen nicht weniger an Vertrauen  abverlangt. Neben der Erfahrung am Gottesacker hilft auch das GPS den passenden Einstieg ins Kalbelegüntles zu finden. Es ist das Ende der Querung und Beginn der Abfahrt zur Schönenbachalm. Die Nacht und der bereits über elf Stunden alte Tag haben für mehr Schnee als erwartet gesorgt. Vorsichtig – und einzeln! – geht es vorerst mehr tastend in den 33 Grad-Hang, ehe die Sicht und der Schnee doch eine Reihe genialer Tiefschneeschwünge zulässt. Eng wird’s dann nochmals beim Schlupf, der ein paar Grad steiler, aber kürzer, die letzte, lustvolle Hürde vor der Almenwelt unter dem Ifen darstellt. Ab dort geht es sanft gleitend dahin bis nach einem kleinen Gegenanstieg das tief verschneite Vorsäß Schönenbach auftaucht. Es ist schon 14 Uhr vorbei und der bis dahin  unterdrückte Hunger bricht voll hervor. 
Der mit altem Material wunderbar reduziert und doch im Wälderstil neu errichtete Gasthof Engleder kann als Zielpunkt betrachtet werden. Oder man hängt sich nach dem Essen noch verwegen an den Teambus um mittels Skijöring und später Schlittschuhschritten über die verschneite Straße hinaus in die aufkeimende  Zivilisation des Bregenzerwaldes zu gleiten. Das moderne Hubertus Au erweist sich dabei als Komfortstation, die nach dem Übermaß an Natur besonders wohltuend empfunden wird. Tags darauf geht es auch absolut in die skitechnische Zivilistation Der Arlberg wartet und wenn es noch dazu ein Bilderbuchtag ist, dann ist er, viel zu schön, um sich auf Fotos zu konzentrieren. 

GENUSSVOLL – auch wenn bei diesen Schneemengen das Vergnügen konditionstechnisch schon mal in Arbeit ausarten kann. Während am Vortag die Guides „spurten“, nämlich im Gelände, veranlasste uns der Teammanager selbst zu spuren. 8.05 Uhr war Transfer von Schoppernau mit dem Skibus nach Warth. Noch ehe die Lifte anfuhren,  waren wir startklar, um nach einer kurzen Auf- und Abfahrt schließlich ins Gebiet von Lech zu kreuzen. Der Rest ein Traum in Weiß, Tiefschneehänge fordernd und vergnüglich, sowie Powder bis über die Nasenspitze. Ehrlich gesagt – die einzelnen befahrenen Hänge zu benennen ist nicht mehr zu schaffen. Aufgrund der Schneefälle galt es ja tunlichst nicht zu weit ins Gelände vorzudringen und vormittags war selbst am Arlberg noch nicht alles verspurt. Und das will was heißen. Dass nicht allzu weit von unseren ersten Tiefschneeabenteuern im Bereich Rotschrofen unterhalb des Mohnenfluh eine Lawine niederging, die einen „Spontaneinfahrer“, der sein LVS noch gar nicht eingeschaltet hatte, erwischte. Das Lawinenunglück geriet übrigens zum „Wunder“: Der Verschüttete wurde nach 1,5 Stunden noch ansprechbar geborgen. Das strahlende Wetter blieb uns bis zur Edelrast im Hirlanda erhalten, dann kam Sturm auf. Es war nicht mehr ratsam den Weißen Ring über Zug zu komplettieren. Das Madloch war auch bald gesperrt. Doch unser Ersatz gilt nicht zu Unrecht als eine der besten Abfahrten der Vorarlberger Arlbergseite: Die Einfahrt ins hochalpine "Wiesele“ erfolgt rechts von der Madloch-Talstation. In mehreren Hängen mit nur kurzen Querungen landet man bei der Galerie zwischen Lech und Zürs. Mit dem Skibus geht’s retour zu einer Nacht in Luxus, im Hotel Goldener Berg Oberlech.

BOCKSÄCKLRU benennt der Bregenzerwälder das uns anderntags erwartende Wetter. In Lautschrift. Dicke Flocken, Wind. Aber wir starten pünktlich um 9 Uhr hinunter zur Rüfikopfbahn. Oben gibt es exakt keine Wahl mehr, nur eine Piste Richtung Zürs offen, aber bald wird die Situation besser. Die sonst mögliche Tourenvariante über den Trittkopf 
und über die Galerie nach Stuben funktioniert bei so einer Lawinengefahr natürlich nicht. Bleibt der Bus nach Alpe Rauz, wo wir einmal mit der Valfagehrbahn kurz Tiroler Boden ankratzen. Rasant geht’s von dort runter nach Stuben über die breite Piste, dann weiter mit dem Postbus nach Klösterle zum Sonnenkopf. Der Schneefall hat sich gelichtet, es öffnete sich ein Panorama aus unverspurten Tiefschneehängen. Rasch beseitigen wir punktuell den jungfräulichen Zustand. Unser Lift war die Sesselbahn Obemuri, wo sich zwischen den Pisten absolut perfekte Vollbäder in weiß genießen lassen. Nach der Mittagsrast in der gläsernen Muttjöchle-Hütte folgt der Anstieg auf das Muttjöchle (2.076 m). Das nachmittäglich flache Sonnlicht verleitet zum Fotowahn – und es wird später. Als schweißtreibend erwies sich nach dem Gipfelfoto auch die Tourenabfahrt. Einigen Schwüngen im wohl hier um den einen Meter tiefen Schnee folgten ebene Wanderstrecken, die bei diesen Verhältnissen in die Beine gehen. Spaß macht natürlich in Folge die lange Abfahrt zwischen den Bäumen bis schließlich die ersten Pisten des kleinen Skigebiets Kristberg auftauchen. Längst war der Skibetrieb hier beendet, da kurvte unsereins die letzte Skiroute ins Silbertal bei Schruns. 17.22 zeigte die Uhr, als wir ausgepowert in den Teambus kletterten. Im Luxushotel Löwen in Schruns im Montafon wartete alles auf uns, was es zur Erholung braucht. 

SILVRETTA NOVA ALS GROSSARTIGES FINALE. Dieses erwartete uns am sechsten Tag, der mit der Auffahrt mit der Hochjochbahn startet. Oben kann man sich fast täglich einem Powderprogramm anschließen, an Freitagen etwa dem Gipfelsturm Zamangspitze. Der steht auch am Ski Ride Programm, wenn nicht ein Schneesturm diesen Spaß  verhindert und der Naturschnee für die Talabfahrt reicht. Wenn's dabei eng wird, kommt der Teambus auch mal über eine Forststraße entgegen. Der Aufstieg über den ausgesetzten Grat auf die Zamangspitze ist dabei gar nicht so ohne. Doch was folgt ist die längste Variantenabfahrt von 1.500 Höhenmeter! Und zwar nicht irgendwelche, sondern vor allem im obersten Bereich perfekte. Wobei für Abfahrten dieser Länge meist gilt: Abgesehen von richtig kalten Pulverschneetagen im Hochwinter, muss mit unterschiedlicher Schneequalität gerechnet werden. Wir haben uns oben 
mehr als nur einige Minuten Zeit genommen, um die optimalen Verhältnisse zu erhalten – und bei weiten Schwüngen im obersten Bereich ist die Rechnung auch voll aufgegangen. Geht es bis St. Gallenkirch hinunter, dann kann über der Straße schon wieder die Valisera-Bahn geentert werden, um auch dem endlosen Skigebiet der Silvretta Nova einen Besuch abzustatten. Es bleibt ein kurzer, denn oben wartet als ein letztes Highlight, eine der Tourenabfahrten in Richtung Gargellen. Zuerst eine Mutprobe, denn wir wählen eine Scharte, die wir durch ein Seil gesichert queren. Aber 
dann – eine traumhafte Tour. Klappt diese Variante lawinentechnisch nicht, geht es per Teambus nach Gargellen. Dort warten spektakuläre Hänge wie Nidla, Rinderhütte, Täli und natürlich der Madrisa Steilhang. Auch bei Lawinengefahr warten pistennah – vor allem im Waldbereich – immer wieder spektakuläre Tiefschneeabschnitte, die Spaß machen. 

DIE TOPAUSRÜSTUNG sorgt zusätzlich für die nötige Sicherheit, sich mit den weißen Polstern auf Baumstumpfen und Hügeln zu „spielen“, wie es Heli formulierte. Das Spiel sorgte dafür, dass – ohne Mittagsrast – um 15.30 Uhr die Wadeln doch noch ordentlich brannten. Zeit für eine Dusche und die letzten gemeinschaftlichen Stunden im Traditionshaus Madrisa, wo sich am abendlichen Kaminfeuer Geschichten aus der Geschichte dieses Hochtales zu den Stories mischen, welche die Ski Ride Vorarlberg Rückkehrer bereits zur Unterhaltung beitragen können.