Let it snow - Teuer und faszinierend: Hightech-Beschneiung

von Alexandra Otto 08/06/2020
Winter in Österreich
Let it snow - Teuer und faszinierend: Hightech-Beschneiung

HINTER DEN KULISSEN von Österreichs Skigebieten kommt reichlich Technik zum Einsatz – insbesondere bei der Beschneiung, ohne die heute nichts mehr geht. Jeden Winter, so auch heuer, laufen die Schneekanonen auf Hochtouren – und zwar unabhängig davon, wie viel es tatsächlich schneit. Seit der Jahrtausendwende ist die künstliche Beschneiung für viele Skigebiete durch die geringe Schneehöhe in niedrigeren Lagen immer mehr ein Thema geworden. Für die Winterurlauber sind bei der Wahl des Gebiets nämlich neben dessen Größe vor allem Schneegarantie und ein möglichst guter Zustand der Pisten am wichtigsten, der Ticketpreis dagegen spielt eine untergeordnete Rolle. Deshalb wird auch entsprechend kräftig in die Kunstschneeerzeugung investiert: Österreichs Seilbahnen gaben in den vergangenen Jahren bis zu 150 Millionen Euro im Jahr für die Technik aus – für die letzte Saison waren es immerhin auch noch 114 Millionen bei Gesamtausgaben von rund 600 Millionen – und dazu kommen Betriebskosten in Richtung eines dreistelligen Millionenbetrags. 

Während vor 20 Jahren lediglich 15 bis 20 Prozent der Pisten in Österreichs Bergen technisch beschneit wurden, sind es heute rund 70 Prozent – das entspricht einer Pistenfläche von 16.000 Hektar. In den Wintersport-Topdestinationen wie  z.B. dem größten heimischen Skigebieteverbund, Ski amadé – dem Salzburger Sportwelt, Schladming-Dachstein, Gastein, Hochkönig und Großarltal – angehören, sind es etwa mehr als 90 Prozent, erklärt dessen Geschäftsführer Christoph Eisinger. Allein dort wurden in den vergangenen fünf Jahren rund 130 Millionen Euro in den Ausbau der technischen Beschneiung in die Hand genommen – und das bei Gesamtinvestitionen von 325 Millionen Euro. Eisinger: „Das geht aber nur deshalb, weil wir den Gästen von Ende November bis April beste Pistenverhältnisse bieten können 
und eine entsprechende Auslastung haben“. Knapp 590 Millionen Liftfahrten gab es im vorigen Winter – die wiederum eine starke Belastung der Pisten mit sich bringen und den Kunstschneeeinsatz pikanterweise ebenfalls nötig machen.  Denn abgesehen vom Klimawandel würden die Pisten durch die größere Anzahl von Skifahrern und Snowboardern im Vergleich zu früher auch viel stärker strapaziert, so der Seilbahnenverband. Die Katze beißt sich sozusagen in den  Schwanz. „Insgesamt ist klar, dass heute ein Skibetrieb so wie wir es gewöhnt sind, im Vergleich zu früher ohne Beschneiung nicht mehr möglich ist“, sagt Seilbahnen-Obmann Franz Hörl, Hotelier und Liftbetreiber in Gerlos. Selbst in den Gletscherskigebieten wird mittlerweile künstlich beschneit, um das Abschmelzen des Gletschers in Wärmeperioden zu verhindern.

KRITISCHE STIMMEN 
Allerdings werden so frühzeitige Skigebietseröffnungen wie in Kitzbühel Mitte Oktober bei Temperaturen um die 20 Grad Celsius nicht nur von Naturschützern sondern auch in der Branche durchaus kritisch gesehen. „Klar gibt es dadurch einen Marketingeffekt, in Kitzbühel ist der Schuss aber eher nach hinten losgegangen. Zu verdienen ist damit sowie so nichts, und der Shitstorm, den es im Vorjahr gegeben hat, war beinahe geschäftsschädigend“, sagt ein Touristiker, der nicht genannt werden will. Ein Saisonstart ein, zwei Wochen später, hätte dagegen kaum jemanden  aufgeregt und einen besseren PR-Wert gehabt: „Es ist nicht notwendig ohne Zwang eine sensible und kontroverse ökologische Diskussion vom Zaun zu brechen“. Dennoch hat man auch diese Saison wieder am 19. Oktober auf der Kitzbüheler Resterhöhe ein einsames Schneeband inmitten grüner Umgebung in Betrieb genommen – mit ähnlichen Reaktionen wie im Jahr davor.Auch beim Seilbahnenverband ist man „sich bewusst“, dass solche Aktionen „in der Außenwirkung durchaus kritisch gesehen werden“. Es handle sich dabei aber um „eine unternehmerische  Marketingentscheidung, bei der das Unternehmen die Kundensicht mit der PR-Wirkung abwiegen müsse“, so Hörl: Aus ökologischer Sicht ist es insofern unproblematisch, da dabei Altschnee aus dem Vorjahr verwendet wird, der über den Sommer durch Abdeckung vor dem Abschmelzen gehindert wurde“, (siehe Kasten Snowfarming). Umweltschützer üben dabei nicht nur Kritik am gigantischen Aufwand, der für den Skisport mittlerweile getrieben wird, sondern auch an den Eingriffen in die Natur, etwa durch große Speicherseen, in denen auf dem Berg das nötige Wasser für technische Beschneiung gesammelt wird. Zudem sei der Untergrund der Skipisten oft so verdichtet, dass er kaum noch Wasser durchlasse und sogar drainagiert werden müsse, erklären Ökologen. Andererseits zeigt eine Studie zu ökologischem  Pistenmanagement u. a. der Wiener Boku und des Salzburger Hauses der Natur, dass Skipisten oft eine intaktere Vegetation aufweisen, als landwirtschaftlich genutzte Flächen. Es sei nicht zu belegen, ob künstliche Beschneiung oder Präparierung einen Einfluss auf die Vegetationsdecke haben. Im Gegensatz zu gedüngten, landwirtschaftlich genutzten Flächen würden Pisten auch eine höhere Artenvielfalt aufweisen. 

VORREITER SCHLADMING
Ein Vorreiter beim Kunstschneeeinsatz war Schladming in der Steiermark: Dort wurde nach einigen Versuchen rund um die Ski-WM 1979 im Jahr 1981 die erste Schneeanlage auf der Planai errichtet. Auf der sogenannten VierBergeSkischaukel (mit Planai, Hauser Kaibling, Hochwurzen, Reiter Alm und Dachstein) sind rund 750 Beschneiungsgeräte im Einsatz – 490 je 8.000 Euro teure Lanzen und 250 Schneekanonen, die pro Stück an die 30.000 Euro kosten. Mittlerweile ist man dort heute technologisch besonders weit voran: Die Bergbahnen Planai-Hochwurzen haben sogar ein auf Satellitennavigation basierendes elektronisches Schneehöhen-Messgerät mitentwickelt, das bei der Pistenpräparierung und der Verteilung des Kunstschnees zum Einsatz kommt. „Es ist wichtig, dass der technische Schnee effizient, kostengünstig, ökologisch verträglich und ressourcenschonend hergestellt wird“, sagt Thomas Pitzer, technischer Leiter der Bergbahnen, „deshalb legen wir auch besonderes Augenmerk darauf, dass der Schnee  möglichst gleichmäßig verteilt und so eine Verringerung der Schneeproduktion ermöglicht wird.“ Rund drei Millionen Kubikmeter Schnee werden von den Bergbahnen Planai-Hochwurzen pro Jahr produziert; das entspricht dem Fassungsvermögen von rund 300.000 Lkw. Dafür werden rund 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser verarbeitet. 400.000 
Kubikmeter fassen die mit Regenwasser gespeisten Speicherseen vor der Saison, zusätzlich wird auch Wasser von der Enns nach oben gepumpt. Die Kosten pro Kubikmeter Schnee liegen je nach Voraussetzung zwischen 1,5 und drei Euro pro Kubikmeter. Allein auf der Planai machen die Kosten pro Tag bis zu 25.000 Euro aus. Auch in Kitzbühel ist der Aufwand riesig: Mehr als 1.100 Schneeerzeuger, die aus zehn Speicherseen gespeist werden, sind auf den 230 Kilometern Abfahrten im Einsatz. Das Wasser dafür wird vom Tal zu den Speicherseen hinaufgepumpt – und mittels UV-Strahlung gereinigt bevor es in die Schneemaschinen geleitet wird, um die geforderte Trinkwasserqualität zu erreichen. Ein Beispiel dazu von der Pumpstation auf der Resterhöhe: Die besteht aus fünf Pumpen mit einer Leistung 
von 4.000 PS, einem riesigen Kompressor, der Luft unter den gewünschten Druck setzt, bevor sie in die Schneemaschinen geleitet wird.

EIGENE WISSENSCHAFT
Die technische Beschneiung ist längst zu einer „Wissenschaft“ geworden, für die es viel Erfahrung im Umgang mit den Geräten, die heute nicht mehr händisch in Gang gesetzt sondern vom Computer gesteuert werden. Ohne Personal geht es dennoch nicht: Bei den Planai-Hochwurzen-Bahnen etwa sind 60 Mitarbeiter mit der Beschneiung bzw. Pistenpräparierung beschäftigt. Pistenchef Bernhard Schupfer macht den Job seit 20 Jahren und sammelte dabei jede Menge Erfahrung. „Die ist auch notwendig, denn oft kommt es auf Kleinigkeiten an, damit die Beschneiung so ist, wie sie sein soll.“ Die Einstellung muss genau passen: Immerhin haben Schneekanonen eine Reichweite von 30 bis 50 Metern, Schneelanzen zwischen zehn und 30 Metern. Auch die Schwenkbreite ist mit 20 bis 80 Metern ziemlich 
variabel. Ideal für den Betrieb sei ein „Mix von Kanonen und Lanzen“, so Schupfer. Lanzen haben mehr Druck und verbrauchen weniger Strom, bei Schneekanonen ist es wegen eines eingebauten Lüfters umgekehrt. Auch der richtige Zeitpunkt für die Kunstschneeproduktion ist wichtig: Beschneit werden kann nur bei Minusgraden und in der Regel geschieht das von oben nach unten: Das heißt, zu Saisonbeginn startet man auf dem Berg, um eine entsprechende Zahl einsatzfähiger Pisten zum Saisonstart zu haben. Kommt dann ausreichend Naturschnee, wird oben reduziert bzw. eingestellt und die Beschneiung schwerpunktmäßig nach unten verlagert. Das geschieht so lange, bis eine  ausreichende Schneedecke vorhanden ist, um über die gesamte Saison zu kommen. 

TECHNIK UND UMWELT
Die Entwicklung in der Technik und bei der Pistenpräparierung ist enorm: Wurde 1966/67 noch ein selbst gebauter Pistentraktor für die maschinelle Pistenpräparierung eingesetzt, so waren in der Saison 2017/18 auf der Planai 13  Pistengeräte – sogenannte Ratracs – und acht auf der Hochwurzen im Einsatz – sowie neun Skidoos. Bis zu einer halben Million Euro kostet eine der modernen und je nach Größe 400 bis 600 PS starken Pistenraupen. Die SatellitenSchneehöhenmesseinheit samt Display schlägt mit weiteren 30.000 Euro zu Buche. Die ist aber ihr Geld wert, wie der Ratrac-Fahrer erzählt. „Damit weiß ich genau, wie viel Schnee auf dem jeweiligen Pistenabschnitt liegt und wo ich den Schnee mit dem Schieber verteilen muss.“ Wird festgestellt, dass auf der einen Seite ein Meter, auf der anderen Seite aber nur 50 cm liegen, wird der Schnee verschoben und unnötige Schneeproduktion verhindert. Zeigt das Display rot an, liegt zu wenig Schnee – nämlich unter 30 Zentimeter. Ist es mehr, schillert das Display in Gelb, Grün, Blau oder Braun (mehr als 120 Zentimeter). Das erleichtert die Orientierung. Das bei innovativen Beschneiungslösungen führende Unternehmen Technoalpin hat jetzt sogar eine eigene App namens "Snowmaster“ entwickelt, die mittels genauer Wetteranalysen eine einfachere Vorab-Planung der Schneeproduktion ermöglicht. Das Ergebnis wird aufgrund von Daten wie die im jeweiligen Skigebiet produzierte Schneemenge, Auslastung, Wasserverbrauch oder Temperatur errechnet und prognostiziert im Kobination mit den Wettervorhersagen die zu produzierende Schneemenge und den Wasserbedarf in den kommenden Tagen. Wachsende Aufmerksamkeit gilt mittlerweile auch möglichst ressourcenschonenden Technologien. Auf der Schmitten bei Zell am See z. B. kann einem schon mal eine grüne Pistenraupe unter die Augen kommen. „Bei uns stehen zwei der innovativen Geräte mit diesel-elektrischem Antrieb im Einsatz“, sagt Hannes Mayer, Umweltmanager  Schmittenhöhebahn AG. Bis zu einem Viertel weniger Diesel verbrauchen diese Geräte. Ökonomisch rechnen sie sich noch nicht. Sie seien um 15 bis 20 Prozent teurer, die Kosteneinsparungen würden laut Mayer bei zehn Prozent liegen: „Aber wir haben sie im Einsatz, weil sie genau zu unserer Philosophie eines nachhaltigen Umgangs mit unserer Lebensgrundlage – der intakten Natur – passen“. Doch die Technologie sei noch nicht ausgereift, mangels Power können diese Geräte nicht mit Seilwinden ausgestattet werden. Ein Mitgrund, warum nur zwei von 15 Pistenbullys hybrid unterwegs seien. 

PISTENRAUPEN fahren in der Regel mit Dieselmotoren der Eurostufe 5, denn sie gelten nicht als Fahrzeug-, sondern Industriemotoren. Neben elektrischen werden alternative Antriebsenergien getestet. Doch Wasserstoffmotoren seien im Betrieb derzeit 7- bis 10-Mal so teuer wie Diesel. Die Alternativen zu Öl sind noch rar – und das ist der Schwachpunkt in der CO2-Bilanz. „Da wir sonst ausschließlich auf erneuerbare Energie setzen und durch Sonnenkollektoren an den Stationen selbst Energie produzieren wären wir sonst als Bergbahn klimaneutral“, sagt Mayer. Auch bei den Motorschlitten setze man vermehrt auf Gas- und Elektroantrieb. Nur bei den Skidoos der Pistenrettung, die ganztägig im Einsatz sind, will man nicht das Risiko eingehen, dass diesen bei der Bergung der „Saft“ ausgeht und bleibt beim 
Benziner. Auch am Kitzsteinhorn ist eine effiziente Beschneiung bis zum Gletscherrand – wie schon erwähnt – nicht mehr wegzudenken. 24 Millionen Euro haben die Gletscherbahnen seit dem Jahr 2000 in den Ausbau ihrer Beschneiungsanlage investiert, um so den Skibetrieb zu sichern. Das komplexe Beschneiungssystem wird von den nahezu unerschöpflichen Wasserreservoirs der großen Kapruner Wasserkraftwerk-Stauseen versorgt. Ein Luxus, der dem Kitzsteinhorn im Verhältnis zu anderen Bergbahnen das Leben wesentlich erleichtert. 

COMPUTER STUERT
Was früher nach dem Motto „Kalt ist es – Wasser marsch“ passierte, wurde mittlerweile durch modernes Schneemanagement abgelöst. Früher wurden die Beschneiungsgeräte händisch einund ausgeschaltet, heute geschieht das z. B. in Schladming zu 90 Prozent von der Technikzentrale nahe der Planai-Talstation aus. Via Computer werden die Geräte im gesamten Skigebiet kontrolliert und automatisch gesteuert. Das hilft, die Produktionskosten im Griff zu behalten: Immerhin geht es dabei um fünf bis sechs Millionen Euro pro Jahr. Durch die Einführung des Schneemanagementsystems gab es im ersten Jahr gleich eine Einsparung von 300.000 Euro. In der Regel wird abends zwischen 17.15 Uhr und Mitternacht präpariert, wenn es witterungsbedingt nötig ist, geht es auch schon um zwei oder vier Uhr früh los. Spätestens um acht Uhr, vor Beginn des Skibetriebs, ist Schluss. Vier Tage haben die 
Pistenraupenfahrer am Stück Dienst, dann gibt es zwei freie Tage. Auf der Planai wird deshalb maximal bis Mitte März beschneit – und das auch nur bis auf Höhe der Mittelstation. Fazit: Trotz des großen Aufwands ist der technisch hergestellte Schnee nicht nur in Schladming längst unverzichtbar. Er bildet mit die Basis für die Erfolge im  österreichischen Wintertourismus: Stillstand ist nicht erlaubt, dann geht es bergab. Die Gästen erwarten heute einfach perfekte Pisten.