Im Lungau auf Touren gekommen

von Alexandra Otto 30/03/2020
Winter in Österreich
Im Lungau auf Touren gekommen

Direkt nebem dem Südporttal des Tauerntunnels liegt der Ausgangspunkt der schönsten Skitouren in die Tauern. Doch welch eine Distanz liegt zwischen dem dichten Verkehr hinter der Lärmschutzwand – und der schier unendlichen Weite des Nationalparks. Zum Einstieg in die Natur gilt es zuerst von Zederhaus beschaulich Richtung Riedingtal zu kurven, bis 
den Weg ein Schranken versperrt. Dort findet sich ein an tourentauglichen Tagen reichlich gefüllter Parkplatz auf 1.340 Metern, als Startpunkt zu einem im doppelten Sinne atemberaubenden Landschaftserlebnis. WC's und der eine Schneemauer entfernte, nicht funktionierende Piepserltester bilden die letzte Infrastruktur. Der Rest ist Kondition und Technik. Nach rund einer Stunde des ruhigen Aufstiegs an der Jagakeuschn (amtlich: „Gutshaus“) vorbei, sorgt Guide Klaus Gruber für die erste kurze Rast an einer verfallenen Hütte, wo die Skiabfahrt vom Dach mit der Zwillingswand im Hintergrund ein stimmiges Foto abgibt.

EIN ERSTES DURCHATMEN, das von den rasselnden Lungen einer im Eilzugstempo vorbeiziehenden tschechischen Speedgruppe beendet wird. Schließlich will man auch als Amateur die Felskarspitze so erreichen, dass die Abfahrt bei hellem Tageslicht genossen werden kann. Noch geht es weitgehend geschützt vom Wald nach oben. Nach knapp zwei 
Stunden klappt die Kinnlade nach unten: Die Wände der Kempen-Köpfe und das Weißeck sorgen für ein geradezu kitschiges Landschaftsbild, das von der kleinen Jagdhütte als Vordergrund noch perfektioniert wird. Es ist faktisch Halbzeit und ein emotionaler Befehl zur Rast. Daran ändert auch nicht, dass schon die ersten Abfahrer entgegen kommen. Bis hierher war der Anstieg mit den Fellen recht einfach – und auch die nächsten Meter wirken eben. Warum man hier durch „Die Hölle“ geht? Auch Klaus vermag keine kundige Erklärung für diese geografische Bezeichnung zu 
liefern. Doch er weiß, dass man hier schon mal höllisch aufpassen muss. „Die Aufstiegsspur ist heute furchtbar angelegt“, beklagt er. Zu nahe an den Wänden – und auch die Künste von eben am Grat startenden Snowboardern verleiten ihn zum Kopfschütteln. Wer wie er einen Gutteil seines Jahres bezahlter – oder auch unbezahlter Weise im Hochgebirge zubringt hat nur mit entsprechend kundiger Über- und Vorsicht eine Chance, alt zu werden. Wir haben die Hölle, die mit einem steilen Anstieg endete, hinter uns gebracht und es lohnt am Grat der himmlische Blick ins weite Rund. Im Nordosten der Dachstein, im Westen der Großglockner, im Süden die Nockberge mit dem Hafer als einzigen 3.000er des Lungaus. 

LETZTERER breitet sich tief unter uns aus. Ein eher verschlossenes Stück Salzburg, mit nur 20.000 Einwohnern und Mauterndorf als einziger Gemeinde die unter 1.000 Metern Seehöhe liegt. Wobei für diese Ausnahmestellung vielleicht in den Katakomben gemessen wurde. Österreichs Kältepol sichten die meisten Autofahrer nur, wenn sie bei der ungeliebten Mautstelle St. Michael, kurz zwischen Tauern- und Katschbergtunnel ins Tageslicht blinzeln. Dort unten liegt auch die edle Basestation für Lungauer Touren- und Skitage: Der Eggerwirt sprießt Jahr für Jahr im trauten Wettstreit des über die Jahrzehnte ähnlich aktiven Wastlwirt daneben. Zuletzt wuchs der Eggerwirt nicht mehr an Bettenzahl, sondern Spa-Quadratmetern und ist als Mitglied von „Bester Alpine Wellness“ und prominenter Gäste guter Hoffnung, höhere Qualität werde schlussendlich den Ausschlag geben. Guter Hoffnung war bei unserem Besuch auch die Tochter, die den Betrieb allmählich übernehmen soll. 

Es soll nicht der Eindruck entstehen, der Lungau stehe für „Tortouren“-Skilauf. Wer’s lieber ruhiger angeht, wird hier auch glücklich. Schon beim Sportfex, wo bestes Leihmaterial mit professioneller Beratung und persönlicher Begeisterung geboten wird. Keine Werbeeinschaltung, sondern unglaublich persönliches Service! Oder bei einer der Skitouren in die Nockberge. Das Teuerlnock (2.145 m) kann zwar auch ganz schön in die Beine gehen, aber es 
erweist sich als superbe Einsteigertour. Startpunkt ist der Parkplatz Sagschneider in St. Margarethen auf rund 1.100 Metern. Man geht gemütlich den Hohlweg durch den Laufnitzgraben entlang, in dem sich nur zwei umgestürzte Bäume als Hindernisse in den Weg legen. An windigen Tagen packt einem der Blasius erst viel später, oberhalb der Meisnitzeralm – sofern man nicht weiter im Sackgraben bleibt. Die meisten gehen aber schon zuvor nach rechts und 
gelangen so bis ins Skigebiet Aineck/Katschberg, konkret zur Branntweineralm. Prost. Der richtige Skitourengeher steigt vom Sackgraben durch den lichten Lärchenwald hinauf bis zur Sackalm auf 1.900 Meter. Den Gipfelsieg ließen wir sein, weil der Sturm zu heftig wurde. Und ehrlich gesagt: Ein Nock ist halt eine sehr runde Angelegenheit – und 
relativiert den Ehrentitel „Gipfel“. Die souveränen Schwünge ins Tal erfolgen dann nicht weit von der Aufstiegsspur, wobei Klaus uns den „Plattenpulver“ näher brachte. Richtig lässig ging’s nämlich nicht dort, wo der Schnee glatt, sondern wo er schuppig wirkte. Nur leicht windgepresst verbarg sich darunter wirklich eine Powderschicht. Wobei gesagt werden muss: Immer geht diese Rechnung nicht auf. Es ist keineswegs so, dass man im Lungau ausschließlich mit Fellen den Gipfelsieg angehen kann. An der Grenze zu Kärnten liegt mit dem bereits erwähnten Katschberg Lungaus Skigebiet mit den bei weitem größten Aufstiegskapazitäten. Fanningberg ist ein wirklich schneesicherer Geheimtipp. Zum Skipass Lungau gehören zusätzlich noch die Kleinliftanlagen von St. Michael, Schönfeld, Zederhaus 
und Lessach. Beim Lungo-Skipass ist mit Obertauern auch der nördliche Rand des Lungaus dabei.